Jean Paul Dubois „Jeder von uns bewohnt die Welt auf seine Weise“

Verlag dtv / geb. / 254 Seiten / 22 €
Eine Empfehlung von Gabriele Klinski

Ein sperriger Titel, ein Buchcover, das m. E. nicht animiert, es in die Hand zu nehmen. Bitte nicht davon abhalten lassen, begegnen Sie diesem herausragenden Roman mit Neugier und Leselust!

Jean Paul Dubois (Foto © Normand Patrice) erhielt dafür 2019 den Prix Goncourt, den wichtigsten französischen Literaturpreis.

Er erzählt die Geschichte eines unbescholtenen Mannes, Paul Hansen, der jetzt im fortgeschrittenen Alter im Gefängnis von Montreal einsitzt, verurteilt zu zwei Jahren Haft. Seine Zelle teilt er mit einem Kraftpaket von Mann der Hells-Angels-Biker, verbal und körperlich sehr präsent und massiv. Hansen könnte seine Zeit im Knast verkürzen: Er müsste Reue zeigen. Tut er aber nicht.

Auf der zweiten Erzählebene geht es um seine Herkunftsgeschichte: Er ist der Sohn eines dänischen Priesters, der in den 60er Jahren wegen der Liebe nach Frankreich ging und, nachdem die Ehe zerbrach, sich allein Richtung Kanada aufmachte und in Montreal heimisch wurde. Sein Sohn, eben dieser Paul Hansen, folgt ihm bald, findet schnell Arbeit und später die Stelle als Manager eines Wohnkomplexes, die ihm zum Verhängnis werden wird.

Dubois erzählt über Aufbruch, Scheitern und Neuanfang: ein Stück Gesellschaftsgeschichte über mehrere Jahrzehnte, die diesem Roman eine besondere Spannung gibt.

Großartig, lebendig, facettenreich und sprachlich beeindruckend!

Fabio Geda „Ein Sonntag mit Elena“

Verlag Hanserblau 2020 / geb. / 220 Seiten / 20 €
Eine Empfehlung von Gabriele Klinski

Ein kleines Buch – im Format – eine stille Geschichte mit besonderer Wirkung:
Im Mittelpunkt des neuen Romans von Fabio Geda (Foto © Walter Menegazzi) steht ein Mann Ende sechzig, Vater von drei erwachsenen Kindern, die ihr eigenes Leben führen. Seine Frau lebt nicht mehr, vor gar nicht langer Zeit kam sie bei einem Verkehrsunfall ums Leben. Er hat ein reiches Berufsleben hinter sich, als Ingenieur, der Brücken baute, war er auf allen Kontinenten unterwegs.

Jetzt lebt er allein mit vielen Erinnerungen in der großen Wohnung der Familie. Der Sonntag war Familientag und zum ersten Mal, seitdem er allein ist, lädt er eine seiner Töchter mit ihrem Mann und den Enkelkindern zum Sonntagsessen ein. Er bereitet alles vor, er kocht aus dem Rezeptbuch seiner Frau, eine neue aufregende Erfahrung. Schweißtreibend. Dann der Anruf, der Neues in Bewegung setzt!

Feinfühlig, durchaus melancholisch erzählt Fabio Geda von Hoffnung, Nähe und unerwarteten Perspektiven.

Anna Benning ”Vortex – Der Tag, an dem die Welt zerriss“

S. Fischer Verlage 2020 / Bd. 1 / Geb. / 496 Seiten / 17,00 € / ab 12 Jahren
Eine Empfehlung von unserer Schulpraktikantin Romy Sauer

Ein Vortex ist ein Energiewirbel, der den Raum krümmen und es einem so möglich machen kann, in Sekundenschnelle von einem Ende der Welt zum anderen zu gelangen. Oder aber dafür sorgt, dass man für immer spurlos verschwindet! Ein Vortex ist gefährlich, so wie die Splits, die der Urvortex vor Jahren erschuf, Menschen, die Teil der Elemente geworden sind und diese kontrollieren können. Aber: Die Splits verwenden ihre Kräfte lieber für Zerstörung und um Angst und Schrecken zu verbreiten.

Im Mittelpunkt dieses Fantasy-Romans steht das Mädchen Elaine. Sie möchte Läuferin werden, um Splits zu fangen, trainiert dafür seit Jahren, denn Sie will Rechenschaft von Ihnen für ihre bösen Taten. Doch als ihr Traum zum Greifen nahe scheint, wird sie mit Tatsachen konfrontiert, die ihre Welt auf den Kopf stellen und sie zwingen, alles, was sie geglaubt hat zu wissen, zu hinterfragen …

Beim Lesen taucht man in eine spannende fantasievolle Welt ein, die Idee, die in der Figur „Vortex“ steckt, ist großartig. „Vortex Bd. 1“ ist ein mitreißender Auftakt einer Fantasy-Trilogie, für junge LeserInnen, bestens geeignet auf der Suche nach neuen, fesselnden Abenteuern.

Martin Baltscheit und Sandra Brandstätter „Ben und Teo – Zwei sind einer zu viel“

Beltz & Gelberg Verlag / Geb. / 128 Seiten / 12,95 € / ab 8 Jahren
Eine Empfehlung von Nicola Dielkus

Ben und Teo sind Brüder, sind gleich alt und sehen gleich aus – Ganz genau: Sie sind eineiige Zwillinge. Sie selbst sagen über sich, dass sie einzigartig gleich seien. Doch so viele Gemeinsamkeiten können manchmal auch ganz schön nerven. Wenn man immer verwechselt oder mit dem anderen verglichen wird. Als sie einen magischen Spiegel finden, der es ihnen ermöglicht, in eine Welt als Einzelkind abzutauchen, nehmen sie das Abenteuer sehr gerne an. Und beide finden auch zuerst großes Gefallen an der ungeteilten Aufmerksamkeit der Eltern und den vielen Dingen, die sie alleine tun können. Doch dann geht der Spiegel kaputt und die einzigartigen Brüder müssen eine schwierige Aufgabe erfüllen, um wieder als unzertrennliche Zwillinge durchs Leben gehen zu dürfen.

Der bekannte und vielfach ausgezeichnete Kinder- und Jugendbuchautor Martin Baltscheit ist selbst Vater von Zwillingen und man spürt auf jeder Seite, dass hier einer mit viel Sprachwitz, Situationskomik und starken (Eltern-)Nerven aus seinem Erfahrungsschatz schöpft. Ein wunderbar einzigartiges Geschwisterbuch.

Smriti Halls und Steve Small „Ohne Dich, das geht doch nicht“

Oetinger Verlag 2020 / Geb. / 40 Seiten / 14,00 € / ab 4 Jahren
Eine Empfehlung von Nicola Dielkus

Gibt es eine schönere Liebeserklärung als das Geständnis „Ohne Dich, das geht doch nicht!“ …? Und so ungleich das kleine zarte Eichhörnchen und der große dicke Bär erscheinen, ergänzen sie sich wunderbar. „Was immer Du vorhast, ich bin GANZ OHR. Du hast neue Ideen? Führ sie mir vor“, bittet der Bär beim gemeinsamen Teetrinken. Die beiden besten Freunde machen alles zusammen, bis das Eichhörnchen eines abends doch mal mehr Platz für sich haben möchte und beschließt, den Bären zu verlassen. Aber nur für ganz kurz, denn „ohne Bär, das fällt ihm schwer“. Und so stellen sie am Ende fest: „Wir bleiben zusammen. Das Haus steht nicht leer. Ich kann dir nur sagen: ICH LIEBE DICH SEHR!“

Die fröhlichen und ausdruckstarken Illustrationen von Steve Small zaubern sofort ein Lächeln ins Gesicht genauso wie die Reime von Paul Maar ganz schnell im Gedächtnis bleiben und eine ganz harmonische Text-Bild-Konvergenz schaffen. Dieses Bilderbuch wird auf jeden Fall ein unentbehrliches Liebhaberstück für die ganze Familie!

Oyinkan Braithwaite „Meine Schwester, die Serienmörderin“

Blumenbar/aufbau 2020 / Übersetzer/in Yasemin Dinçer / Geb. / 240 Seiten / 20,00 €
Eine Empfehlung von unserer Auszubildenden Sophie Wray

Zwei Schwestern mit den verschiedensten Qualitäten: Korede, die Ältere, keine Augenweide, aber immer zuverlässig und gründlich, arbeitet als Krankenschwester. Und Ayoola, die Jüngere, schön und flatterhaft, ist Modedesignerin und: Sie neigt dazu, ihre Männer umzubringen. Korede, pflichtbewusst, wie sie ist, hilft beim Beseitigen von Spuren und Leiche, denn immerhin hat Ayoola in Selbstverteidigung gehandelt, so wie bei den anderen Malen zuvor. Sagt sie.

Das Messer im Rücken des Opfers: Korede lässt die Motive ihrer Schwester zum ersten Mal hinterfragen. Und als Ayoola ein Auge auf Tade wirft, der umwerfende Arzt aus dem Krankenhaus, für den Korede schon so lange schwärmt, muss sie sich fragen, wen sie von nun an beschützen will und sollte.

Ein flüssig zu lesendes Buch, dass nicht nur überraschend viel Spaß macht mit seinem schwarzen Humor, sondern die Leserin/den Leser dazu anregt, wie die Erzählerin selbst, Richtig und Falsch aus neuen Perspektiven zu sehen.

Pierre Jarawan „Ein Lied für die Vermissten“

Einladung zur Lesung

Pierre Jarawan, Autor, Bühnenliterat, Poetry Slammer ist an diesem Abend mit seinem neuen Roman zu Gast in der Buchhandlung – bereits 2016 begeisterte er hier die Zuhörer*innen mit seinem Debut „ Am Ende bleiben die Zedern“.

In „Ein Lied für die Vermissten“ verknüpft er virtuos die jüngere Geschichte des Nahen Ostens mit dem Leben seines jungen Protagonisten Amin, der seine Erinnerungen notiert, während der Arabische Frühling auch den Libanon erfasst. PJ führt uns in eine Welt voller unvergesslicher Figuren, sinnlicher Eindrücke und Emotionen, einfühlsam und ungeheuer spannend erzählt. Beeindruckend!

Pierre Jarawan (Foto Marvin Ruppert), 1985 in Amman geboren als Sohn eines libanesischen Vaters und einer deutschen Mutter. Seine Eltern hatten den Libanon wegen des Bürgerkriegs verlassen müssen. Im Alter von drei Jahren kam er mit seiner Familie nach Deutschland. 2012 wurde er Internationaler Deutschsprachiger Meister im Poetry Slam, Sein Romandebut „Am Ende bleiben die Zedern“ (2016), für das er zahlreiche Auszeichnungen erhielt, war ein Sensationserfolg und ist heute, übersetzt in viele Sprachen, ein internationaler Bestseller. Heute ist er Moderator des Isar Slams – Münchens größtem regelmäßigen Poetry Slam. Pierre Jarawan lebt in München.