Roman

Joachim B. Schmidt „Kalmann“

Veröffentlicht am

Diogenes Verlag 2020 / geb. / 352 Seiten / 22,00 €
Eine Empfehlung von Nina Schramm

In einem kleinen Dorf im nördlichen Island lebt der 34-jährige Kalmann. Als Jäger, Haifänger und Hersteller von Gammelhai hat er hier seinen Platz gefunden und führt zugleich das Erbe seines Großvaters fort. Die Gedanken in Kalmanns Kopf drehen zuweilen wilde Pirouetten. Sein kindlicher Blick auf die Welt und auch sein Beruf, den er mit Passion betreibt und den geruchsempfindliche Zeitgenossen auf Abstand gehen lassen, haben ihm den Ruf des harmlosen Sonderlings eingebracht. Dennoch wird Kalmann in seinem Dorf akzeptiert und gemocht.

Als Kalmann bei einem seiner Streifzüge eine große Blutlache entdeckt, ist die Aufregung groß: Presse und Polizisten stürmen das Dorf und ziehen die Einwohner ordentlich auf links. Kalmann scheint etwas zu wissen, bekommt seine Gedanken jedoch nicht geordnet. Wer ist das Opfer, wo ist es, und was ist überhaupt passiert?

Wir als Leser verfolgen den Fall mit den Augen Kalmanns und bekommen dabei eine ganz besondere Sicht auf seine Welt und die Ereignisse darin. Ein Buch, das mich sehr bereichert hat, denn Kalmann ist eine ebenso skurrile wie glaubwürdige Figur, die keine Klischees bedient, sondern zeigt, wie bunt die Welt ist.

Foto Joachim B. Schmidt: Eva Schram © Diogenes Verlag

Roman

Jean Paul Dubois „Jeder von uns bewohnt die Welt auf seine Weise“

Veröffentlicht am

Verlag dtv / geb. / 254 Seiten / 22 €
Eine Empfehlung von Gabriele Klinski

Ein sperriger Titel, ein Buchcover, das m. E. nicht animiert, es in die Hand zu nehmen. Bitte nicht davon abhalten lassen, begegnen Sie diesem herausragenden Roman mit Neugier und Leselust!

Jean Paul Dubois (Foto © Normand Patrice) erhielt dafür 2019 den Prix Goncourt, den wichtigsten französischen Literaturpreis.

Er erzählt die Geschichte eines unbescholtenen Mannes, Paul Hansen, der jetzt im fortgeschrittenen Alter im Gefängnis von Montreal einsitzt, verurteilt zu zwei Jahren Haft. Seine Zelle teilt er mit einem Kraftpaket von Mann der Hells-Angels-Biker, verbal und körperlich sehr präsent und massiv. Hansen könnte seine Zeit im Knast verkürzen: Er müsste Reue zeigen. Tut er aber nicht.

Auf der zweiten Erzählebene geht es um seine Herkunftsgeschichte: Er ist der Sohn eines dänischen Priesters, der in den 60er Jahren wegen der Liebe nach Frankreich ging und, nachdem die Ehe zerbrach, sich allein Richtung Kanada aufmachte und in Montreal heimisch wurde. Sein Sohn, eben dieser Paul Hansen, folgt ihm bald, findet schnell Arbeit und später die Stelle als Manager eines Wohnkomplexes, die ihm zum Verhängnis werden wird.

Dubois erzählt über Aufbruch, Scheitern und Neuanfang: ein Stück Gesellschaftsgeschichte über mehrere Jahrzehnte, die diesem Roman eine besondere Spannung gibt.

Großartig, lebendig, facettenreich und sprachlich beeindruckend!

Roman

Fabio Geda „Ein Sonntag mit Elena“

Veröffentlicht am

Verlag Hanserblau 2020 / geb. / 220 Seiten / 20 €
Eine Empfehlung von Gabriele Klinski

Ein kleines Buch – im Format – eine stille Geschichte mit besonderer Wirkung:
Im Mittelpunkt des neuen Romans von Fabio Geda (Foto © Walter Menegazzi) steht ein Mann Ende sechzig, Vater von drei erwachsenen Kindern, die ihr eigenes Leben führen. Seine Frau lebt nicht mehr, vor gar nicht langer Zeit kam sie bei einem Verkehrsunfall ums Leben. Er hat ein reiches Berufsleben hinter sich, als Ingenieur, der Brücken baute, war er auf allen Kontinenten unterwegs.

Jetzt lebt er allein mit vielen Erinnerungen in der großen Wohnung der Familie. Der Sonntag war Familientag und zum ersten Mal, seitdem er allein ist, lädt er eine seiner Töchter mit ihrem Mann und den Enkelkindern zum Sonntagsessen ein. Er bereitet alles vor, er kocht aus dem Rezeptbuch seiner Frau, eine neue aufregende Erfahrung. Schweißtreibend. Dann der Anruf, der Neues in Bewegung setzt!

Feinfühlig, durchaus melancholisch erzählt Fabio Geda von Hoffnung, Nähe und unerwarteten Perspektiven.

Roman

Oyinkan Braithwaite „Meine Schwester, die Serienmörderin“

Veröffentlicht am

Blumenbar/aufbau 2020 / Übersetzer/in Yasemin Dinçer / Geb. / 240 Seiten / 20,00 €
Eine Empfehlung von unserer Auszubildenden Sophie Wray

Zwei Schwestern mit den verschiedensten Qualitäten: Korede, die Ältere, keine Augenweide, aber immer zuverlässig und gründlich, arbeitet als Krankenschwester. Und Ayoola, die Jüngere, schön und flatterhaft, ist Modedesignerin und: Sie neigt dazu, ihre Männer umzubringen. Korede, pflichtbewusst, wie sie ist, hilft beim Beseitigen von Spuren und Leiche, denn immerhin hat Ayoola in Selbstverteidigung gehandelt, so wie bei den anderen Malen zuvor. Sagt sie.

Das Messer im Rücken des Opfers: Korede lässt die Motive ihrer Schwester zum ersten Mal hinterfragen. Und als Ayoola ein Auge auf Tade wirft, der umwerfende Arzt aus dem Krankenhaus, für den Korede schon so lange schwärmt, muss sie sich fragen, wen sie von nun an beschützen will und sollte.

Ein flüssig zu lesendes Buch, dass nicht nur überraschend viel Spaß macht mit seinem schwarzen Humor, sondern die Leserin/den Leser dazu anregt, wie die Erzählerin selbst, Richtig und Falsch aus neuen Perspektiven zu sehen.

Roman

Doris Knecht „Weg“

Veröffentlicht am

Rowohlt Berlin 2019 / Geb. / 304 Seiten / 22,00 €
Eine Empfehlung von Nina Schramm

Vor etwa 20 Jahren hatten Heidi und Georg eine kurze Affäre, aus der ein Kind hervorgegangen ist: Charlotte, genannt Lotte, wächst bei Heidi auf. Der Kontakt zum Vater ist eher sporadisch. Heidi und Georg haben wenig miteinander gemeinsam, sie mögen sich nicht einmal besonders. Aber Lotte ist eigensinnig, widerspenstig und psychisch labil – sie braucht beide.

Als Lotte plötzlich spurlos verschwindet, müssen sich Heidi und Georg zusammenraufen. Die Spuren ihrer Tochter führen nach Südostasien und so machen sich die beiden im Grunde völlig Fremden auf den Weg. Die etwas kleinbürgerliche Heidi, die noch nie in einem Flugzeug saß und der weltoffene Georg müssen sich auf der Suche auch ihren eigenen Ängsten stellen, sich gegenseitig öffnen, ihre jeweiligen Lebensentwürfe hinterfragen.

Ich liebe Doris Knecht (Foto © Pamela Rußmann) für ihre feine Beobachtungsgabe und für ihren schonungslosen Blick auf das Leben, seine kleinen Geschichten und die Menschen darin. Ihre Romane zu lesen, hat etwas vom Blick in das Fenster der Nachbarn, die uns nah und vertraut sind.

Roman

Judith Taschler „Das Geburtstagsfest“

Veröffentlicht am

Droemer/Knaur 2019 / Geb. / 352 Seiten / 22,00 €
Eine Empfehlung von Nina Schramm

Kim Meys 50. Geburtstag soll unvergesslich werden. So haben es zumindest seine drei Kinder geplant, als Sie Tevi Gardiner dazu einladen, die Frau, mit der Kim vor vielen Jahren aus seiner Heimat Kambodscha geflohen ist. Doch anders als erwartet, zeigt sich Kim eher unterkühlt bei dem Besuch. Auch seiner Frau Ines ist die unerwartete Besucherin eher unangenehm. Das, was Kim und Ines jahrelang vor ihren Kindern verschwiegen haben, bricht sich nun Bahn: Kims Vergangenheit in Kambodscha, die dramatische Flucht von Kim und Tevi, der Neuanfang in Österreich. Beide, Kim und Tevi, haben die Schreckensherrschaft der roten Khmer in Kambodscha miterlebt. Der Umgang beider mit ihrer Vergangenheit ist jedoch höchst unterschiedlich. Nach und nach enthüllt Judith Taschler (Foto © Patrick Saringer) die Geschichten ihrer Figuren, zeigt auf, dass die Rollenverteilung zwischen Tätern und Opfern nicht immer eindeutig ist und, dass jeder Mensch eine eigene Sichtweise auf das Erlebte hat.

Roman

Daniela Krien „Die Liebe im Ernstfall“

Veröffentlicht am

Diogenes Verlag 2019 / Geb. / 288 Seiten / 22,00 €
Eine Empfehlung von Maurizio Capaldi

Fünf Frauen stehen im Mittelpunkt des neuen Romans von Daniela Krien (Foto: Maurice Haas / © Diogenes Verlag): alle in der ehemaligen DDR aufgewachsen, den Mauerfall als Jugendliche erlebt, Schauplatz „heute“ ist Leipzig. Jetzt fordert sie der Alltag, dessen Bewältigung für keine der Protagonistinnen einfach ist. Jede von ihnen ringt um das Gelingen von Leben und Liebe. Krien beschreibt die Freuden und Leiden dieser Frauen nüchtern, pragmatisch. Die Sparsamkeit in ihrer Sprache kann deren Welt kaum besser treffen. Kein Adjektiv zu viel, dass hier von wesentlichen Aussagen ablenkt. Mit illusionsfreier Ehrlichkeit werden persönliche Tiefpunkte geschildert, und doch bleibt beim Leser ein Gefühl zurück, das positiv stimmt. Die emotionalen Höhen und Tiefen, Liebe und Leid haben nebeneinander ihren Platz. Aus dem Leben gegriffen. Nicht beschönigt, nicht dramatisiert. So wie sie das Leben selbst schreiben könnte. Ein Lesegenuss!