DTV 2025 / Kartoniert / 185 Seiten / 16,00 € Eine Empfehlung von Gabriele Klinski
Jenny Valentine, britische Autorin, vielfach ausgezeichnet, ist für mich eine der lesenswertesten Jugendbuchautorinnen heutiger Zeit.
In ihrem neuen Roman geht es um zwei beste Freundinnen – Elk und Meb. Meb ist bei einem Autounfall ums Leben gekommen, Elk erzählt und erinnert an die gemeinsame Zeit, an Erlebnisse mit Höhen und Tiefen. Es geht um Trauer, den Wert der Freundschaft und es geht um eine zarte Liebesgeschichte. Einfühlsam erzählt und trotz Elks tiefer Trauer lebensbejahend.
Ullstein Verlag 2025 / Geb. / 672 Seiten / 19,99 € Eine Empfehlung von Susanne Stammeier
Hazel wächst als ungeliebtes, dreizehntes Kind ihrer Familie auf. Die Not ist groß und für die jüngste Tochter fehlt es an allem. Ihr Pate, der „Endgültige“, der bei Ihrer Geburt versprochen hat, sich um Hazel zu kümmern, lässt Jahr um Jahr verstreichen, ohne sein Versprechen einzulösen – bis er an Hazels 12. Geburtstag erscheint …
Plötzlich hat Hazel alles, was sie sich wünschen kann, trägt aber auch eine große Bürde. Sie ist zur Heilerin auserwählt, da sie als dreizehntes Kind über außergewöhnliche Gaben und Fähigkeiten verfügt. Ihre Lehrjahre sind hart und von schweren persönlichen Entscheidungen geprägt. Als schließlich der König des Landes an der Zitterpest erkrankt, ruhen alle Hoffnungen auf ihr. Mehr als einmal bittet Hazel um den Beistand der Götter. Aber sind diese wirklich unfehlbar? Und gibt es vielleicht Kräfte, die die Heilung des Königs verhindern wollen?
Der US-Amerikanerin Erin A. Craig ist ein spannender, gefühlvoller Fantasy-Roman mit einer überzeugenden Heldin gelungen. Schauplatz könnte Frankreich in einer nicht näher benannten Zeit im Mittelalter sein. Fantasy, Liebesgeschichte und ein wenig Horror gehen hier gekonnt Hand in Hand und machen das Buch zu einem perfekten Lesevergnügen für die dunkle Jahreszeit.
FISCHER Sauerländer 2025 / Geb, / 640 Seiten / 21,90 € Eine Empfehlung von Susanne Stammeier
Die Menschen in Paradise Springs, Nordkalifornien, leiden seit Wochen unter einer Gluthitze, die kein Ende nehmen will. Dizzy Fall, jüngste Tochter der Familie Fall, leidet außerdem unter der „Scheidung“ von ihrem Schulfreund Lizard. Dieser nennt sich jetzt Tristan, hat eine Freundin und für Dizzy keine Zeit mehr. Eines Tages wird Dizzy alles zu viel. Sie läuft blindlings vom Schulgelände und wird fast von einem Truck überfahren. Ihre Rettung in letzter Sekunde ist eine wunderschöne junge Frau mit farbigen Locken und unzähligen Tattoos, die nach dem Beinahe-Unfall spurlos verschwindet. Für Dizzy steht fest, dass sie einem Engel begegnet ist. Ein Engel, der vielleicht auch die anderen Probleme der Familie Fall lösen kann? Z B. dafür zu sorgen, dass Dizzys Vater zurückkehrt, der vor ihrer Geburt unter mysteriösen Umständen verschwand. Oder ihrem Bruder Wynton helfen, der sich von einer Katastrophe in die andere manövriert – und doch eigentlich ein begnadeter Geiger ist. Und was ist mit Dizzys anderem Bruder Miles, den alle nur den „Vollkommenen Miles“ nennen, der aber zunehmend in seiner eigenen Welt zu verschwinden scheint.
Jandy Nelson hat eine großartige Familiensaga und einen bewegenden Coming-of-Age-Roman geschrieben. Funkelnd und originell. Vom Verlag für LeserInnen ab 14 Jahren empfohlen – von mir für alle!
Residenz 2025 / Geb. / 255 Seiten / 26 € Eine Empfehlung von Lukas Becker
Manchmal sind die größten Geschichten leise. Im heißen Sommer 2020 lebt die Autorin auf einem Wagenplatz, kämpft mit Krankheit und zugleich mit der Suche nach einem selbstbestimmten Leben. Kraft schöpft sie aus Erinnerungen und inneren Gesprächen mit ihrem Vater, der als Mitglied der polnischen Untergrundarmee den Gulag überlebt hat. Seine Widerstandskraft hallt in ihr nach – anders, doch ebenso kämpferisch, in ihrer queeren Existenz.
Neben die historischen und persönlichen Spiegelungen tritt Karl, ein gestrandetes Krähenbaby, das Fürsorge und Nähe verlangt. Zwischen Fieberträumen, Einsamkeit und stillen Momenten entfaltet Bryla eine Sprache, die lakonisch, liebevoll und manchmal surreal ist. Sie verwebt Vatergespräche, Gegenwart und innere Bilder zu einem Ganzen, das sowohl intimes Porträt als auch Reflexion über Widerstand, Versprechen und Verbundenheit ist.
Ein berührendes, still kraftvolles Buch über Familie, Überleben und die kleinen Momente, die uns tragen. Kaska Bryla erzählt von Mut, Erinnerung und der Suche nach einem selbstbestimmten Leben – ein leises, aber unvergessliches Buch.
Hanser 2025 / Geb. / 176 Seiten / 23 € Eine Empfehlung von Lukas Becker
Ein Mittagessen in Manhattan – beiläufig, fast alltäglich. Doch mit einer einzigen Behauptung gerät die Wirklichkeit ins Wanken: Ein junger Mann tritt an die Seite einer Schauspielerin und erklärt, er sei ihr Sohn. Ein Sohn, den sie nie geboren hat. Aus dieser Irritation spinnt Katie Kitamura in „Die Probe“ ein raffiniertes psychologisches Spiel, das Identität, Erinnerung und Wahrheit unaufhörlich gegeneinander verschiebt. Die Schauspielerin, Meisterin der Masken, probt eigentlich nur für ihre nächste Rolle – und doch gerät sie plötzlich selbst ins Proben. Ist Xavier ein Betrüger, ein Spiegel, ein Gespenst? Und was bedeutet seine Anwesenheit für ihre Ehe mit Tomas, dem Schriftsteller, der mit dem Scheitern ringt?
Kitamura entfaltet die Begegnung in einer Sprache, die kühl wirkt und dabei brennt; präzise und zugleich von einer unheimlichen Intensität. „Die Probe“ ist weniger ein Roman mit eindeutigen Antworten als ein literarisches Experiment: Wie dünn ist die Haut, die Fiktion und Wirklichkeit trennt? Wie schnell kippt Nähe ins Unheimliche, Intimität ins Fremde? Kitamura beobachtet mit scharfem Blick, aber nie ohne Empathie – und schafft so ein Werk, das zugleich verstört und fesselt. Katie Kitamura beweist mit „Die Probe“ einmal mehr, warum sie zu den spannendsten Stimmen der Gegenwartsliteratur zählt.
Suhrkamp 2025 / Geb. / 219 Seiten / 24 € Eine Empfehlung von Lukas Becker
„Hundesohn“ ist ein Roman über das, was bleibt, wenn man zu viele Orte bewohnt, aber nirgends ganz zuhause ist – über Liebe, die nicht vergeht, obwohl sie nie ganz gelebt wurde. Es ist die Geschichte von Zeko, einem jungen Berliner zwischen Parks und Moscheehöfen, zwischen Therapiesitzung und Freitagsgebet, der Männer küsst und doch immer nur an einen denkt: Hassan, den Nachbarsjungen aus Adana, den der Großvater verächtlich „Hundesohn“ nannte und den Zeko nie vergessen konnte.
Mit jedem flüchtigen Körper, jeder Begegnung, jedem Blick zurück in die sengende Sommerhitze Anatoliens wird spürbar, wie tief Erinnerung im Begehren wurzelt – und wie sehr das, was war, das Jetzt überschattet. Keskinkılıç schreibt mit großer Intensität und zugleich mit einer poetischen Zurückhaltung, die mehr andeutet als erklärt. Es geht um Verlust, Scham, Begehren, Stolz – aber auch um Rituale, Sprache, Essen, Gebet. Die arabischen Lieder des Großvaters hallen ebenso nach wie die stillen Lücken im Gespräch mit Hassan. Berlin und Adana überlagern sich in diesem Text wie zwei Ebenen einer Karte: Nie ganz deckungsgleich, aber untrennbar verbunden. Zekos Körper trägt beide Städte in sich – und mit ihnen die Zerrissenheit einer queeren migrantischen Existenz, die sich nicht auflösen lässt in Identität, aber auch nicht verbergen lässt im Alltag.
Kiepenheuer & Witsch 2025 / Geb. / 224 Seiten / 25 € Eine Empfehlung von Lukas Becker
Mit „Air“ beweist Christian Kracht erneut, wie elegant er Wirklichkeit und Traumwelt miteinander verweben kann. In seinem neuen Roman folgen wir Paul, einem Schweizer Innenarchitekten, der sich auf den Orkney-Inseln ein ruhiges Leben aufgebaut hat. Sein Beruf: leerstehende Häuser so zu inszenieren, dass sie Käufer*innen verführen.
Doch ein ungewöhnlicher Auftrag aus Norwegen bringt sein Dasein aus dem Gleichgewicht. Was als simpler Job beginnt, weitet sich zu einer fantastischen Odyssee aus — und führt Paul in eine verstörende, eisige Parallelwelt, wo er zusammen mit einem rätselhaften Kind, Ildr, vor einem bedrohlichen Herzog fliehen muss.
Kracht erzählt diese Geschichte in seiner gewohnt feinen, präzisen Sprache, die nüchtern und zugleich poetisch wirkt. „Air“ ist weit mehr als ein Abenteuerroman: Es ist eine kluge Meditation über Wahrnehmung, Entwurzelung und die Zerbrechlichkeit dessen, was wir für „real“ halten. Und dabei gut unterhaltend!